Für den Weg von Alūksne nach Riga bot sich zeitlich noch ein Zwischenstopp an. Für uns boten sich entweder die Städte Cēsis bzw. Sigulda oder eine Übernachtung im Nationalpark "Gauja" an. Wir haben uns für Cēsis entschieden. Da wir am folgenden Tag unseren Mietwagen am Flughafen Riga wieder abgeben mussten, wäre für den Nationalpark "Gauja" zu wenig Zeit geblieben. Und das sehr touristisch geprägte Sigulda lässt sich auch als Tagesausflug von Riga mit der Bahn erkunden.
Cēsis (deutsch: Wenden) mit heute etwa 15.100 Einwohnern empfing uns leider mit dicken Regenwolken und kühlen Temperaturen. Die Stadt präsentierte sich als Mix von verträumter Kleinstadt mit einer Kombination von alten renovierten Häusern in schönen Altstadtgassen und verbliebenen urigen Charme. Auch wenn nicht viel los war (ist nicht immer so), gefallen hat es uns in der für die lettische Nationalgeschichte bedeutende und ehemalige Hanse-Stadt.
Im Mittelpunkt unseres Interesses stand insbesondere die Kreuzritterburg von Cēsis (lettisch Cēsu pils), eine recht gut erhaltene Ruine einer ehemaligen mittelalterlichen Burg des Schwertbrüderordens.
Die Burg Wenden ist sicher nicht so bekannt wie die im heutigen Polen liegende Marienburg. Als Verwaltungszentrum des gesamten Ordensbesitzes in Livland war sie dennoch sehr bedeutungsvoll nicht nur für den Deutschen Orden. Und von militärischen Auseinandersetzungen war sie auch reichlich betroffen. Als die Burg 1703 endgültig aufgegeben werden musste, war sie bereits erheblich beschädigt bzw. verfallen.
Dass die Burg so gut erhalten ist und nicht intensiv für die Beschaffung von Baumaterial genutzt wurde, ist zwei deutsch-baltischen Familien zu verdanken. Zuerst übernahm im 18. Jahrhundert die Familie von Wolff die Burg als Eigentum. Johann Gottlieb II Freiherr von Wolff, Adliger in Livland, ließ als Wohnsitz auf dem Burggelände ein Herrenhaus erbauen.
Im 19. Jahrhundert übernahm dann die adlige Familie Sievers das Areal und fügte dem Herrenhaus den heute noch bestehenden Landschaftsgarten im romantischen Stil und sorgte für eine teilweise Renovierung der Burg.
Auch in dieser alten, ehrwürdigen Burg ist der Blick in die Vergangenheit ein Blick in die Zukunft. Bereits im vorigen Jahrhundert wurde die Burg in mehreren Abschnitten umfassend renoviert. Im Eingangsbereich wurde ein gläsernes Besucherzentrum in die Anlage integriert. Es macht Spaß, durch die recht gut erhaltenen Gänge der Kernburg bis hoch unter dem Dach des Südturms zu „stromern“ und die moderne Multimedia-Show „Leben auf dem Pulverfass“ über die Geschichte Lettlands sich anzuschauen.
... verbunden mit einem praktischem Hintergrund: Statt elektrischer Beleuchtung; die Besucher bekommen eine Laterne, um die engen und dunklen Treppen im Inneren der Burg besteigen zu können.
Im Herrenhaus ist heute das Heimatmuseum von Cēsis beheimatet. Geschichtsinteressierte Reisende sollte sich etwas Zeit für einen Besuch nehmen. Neben einigen herrschaftlichen Räumen und Kunst berichtet die Dauerausstellung „Cēsis als Symbol der Geschichte Lettlands“ authentisch über die Stadt und seine besondere Stellung in der Geschichte Lettlands.
Von christlichen Bestrebungen zur Missionierung im 12 Jh., politischer Herrschaft des Deutschen Orden, wirtschaftlicher Einfluss durch die deutsche Hanse über die deutsche Besatzung im 2. Weltkrieg bis hin zu den heute noch im Baltikum lebenden Deutschbalten; der deutsche Einfluss auf die baltischen Länder ist deutlich zu spüren und gehört zur Geschichte der Länder.
Die ab dem Spätmittelalter einwandernden Siedler waren meist adlige Großgrundbesitzer, erfolgreiche Händler und Vertreter der kirchlichen Oberschicht. Obwohl immer eine Minderheit, war der Einfluss auf Wirtschaft, Kultur und Politik nicht nur hoch, sondern auch teilweise dominierend.
... solange sie uns nicht angreifen.“ Diese knapp formulierte Ansicht einer jungen Frau sagt auch viel über das Verhältnis zur heutigen deutschen Bevölkerung und ihrer Geschichte. Im Tourismusbüro in Liepāja haben wir uns mit einer sehr angenehmen und couragierten Mitarbeiterin länger zu "Land-und-Leute-Themen" beider Länder unterhalten. Und, zumindest in diesem Gespräch und den Unterhaltungen innerhalb des Sänger- und Tanzfestes, habe ich gefühlt, dass eine differenzierte und auch positive Betrachtung zum deutschen Einfluss auf die lettische Geschichte vorherrscht.
Im August 1941 wurden die baltischen Länder von Deutschland besetzt. Die Freude über die Befreiung von der Sowjetdiktatur währte nur kurz. Eine Diktatur wurde durch eine andere abgelöst. Auch im Baltikum bekam dies besonders die jüdische Bevölkerung zu spüren!
Auf dem Vienības laukums (Platz der Einheit) befindet sich ein eher schlichtes Siegesdenkmal für die im Lettischen Unabhängigkeitskrieg in der Schlacht von Cēsis (1919) gefallenen Kämpfer. 1924 wurde das von Spendengeldern finanzierte Denkmal errichtet. Ironie der Geschichte: Zu Zeiten sowjetischer Besatzung wurde es 1951 abgerissen und von 1959 bis 1990 „Ideologie-konform“ durch ein Lenin-Denkmal ersetzt.
Nach estnischen und lettischen Initiativen konnte 1998 das wieder hergestellte Denkmal eingeweiht werden. Und in Erinnerung an die Schlacht von Cēsis wird jährlich der 23. Juni im Baltikum als Siegestag gefeiert.
Schon vorher wurde Lenin mit seinem Denkmal im Schlosspark an einer völlig unscheinbaren Stelle in einer einfachen Holzkiste „beerdigt“. Und dies in einer Form, die wohl deutlich auf eine klare historisch-symbolischen Siegesaussage der lettischen Bevölkerung gegenüber dem Gründer der Sowjetunion hinweisen soll.
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